Zwei Davids und die Transzendentale Meditation

von Frank

Es muss irgendwann Ende der 70er Jahre gewesen sein, als ich mit meinem besten Freund hörte, dass es Menschen gäbe, die angeblich fliegen können. Durch meditieren. Als Teenager dachten wir: das probieren wir aus! Kann doch nicht so schwer sein: man setzt sich mit geschlossenen Augen in den Schneidersitz, konzentriert sich und hebt ab. Obwohl wir uns nach wenigen Minuten zuriefen: "ich spür schon was!" war die Sache dann doch nicht so einfach...

Rückblickend war unser naives Späßchen für einen unterhaltsamen Nachmittag gut. Geflogen sind wir nicht, aber zumindest das haben wir mit einigen Millionen Menschen gemeinsam, welche die Sache ernsthafter und langfristiger angegangen sind. Als Übergangstechnik erst mal im Sitzen herumzuhüpfen – auf den Gedanken sind wir nicht gekommen. Diese bemerkenswerte Idee entwickelte Maharishi Mahesh Yogi, und noch heute wird das "Yogische Fliegen" unterrichtet und praktiziert. Menschen um die Wette im Kreis hüpfen zu sehen (mit gestoppter Zeit!) gehört zu den amüsanteren Momenten des Films, wenn auch nicht zu den erstaunlichsten.

David Sieveking beschreibt in einer Mischung aus Dokumentation und Re-Enactment seinen Weg zur Transzendentalen Meditation, seine ersten Zweifel, seine tiefe Be- und Entfremdung sowie seine Suche nach der Ursache für die enorme Popularität dieser sprituellen Technik.

Als junger Filmemacher ist er fasziniert vom Werk David Lynchs. Dieser nennt als eine Quelle seiner Kreativität und Produktivität die positive Energie und Fokussiertheit, die er aus der Transzendentales Meditation (TM) schöpft. Sieveking erhält Gelegenheit, Lynch persönlich zu sprechen und entschließt sich, TM selbst auszuprobieren. Die meditative Praxis besteht vorwiegend darin, täglich zwei mal 20 Minuten lang im Geist ein Mantra zu rezitieren. Da diese Technik nach dem Verständnis von Maharishi nicht im Selbststudium erlernt werden kann, gründeten er und seine Anhänger Schulen in vielen Ländern und Städten. Die Lehre wird also exklusiv von einer (mehrfach umbenannten) Organisation vermittelt, die aktuell den Namen „Globales Land des Weltfriedens“ trägt. Diese gibt vor, größere und höhere Ziele zu verfolgen als nur die Entwicklung des übenden Individuums. Und um diese Ziele zu erreichen wird Geld benötigt. Viel Geld. Sehr viel Geld.

Für den Bau eines verzweiten Systems von Instituten, Schulen, "Unbesiegbarkeits-Universitäten" usw. werden Spenden gesammelt und beachtliche Kursgebühren erhoben. Aktuell (Januar 2014) wird ein Jubiläumsangebot beworben, welches für "nur" 1.190 Euro (den halben "normalen" Preis) einen Einführungskurs bietet. Weitere Angebote wie das Erlernen von "Sidhis" (übernatürlichen Fähigkeiten) stehen Fortgeschrittenen offen – gegen Gebühr. Rund eine Million Euro scheint es zu kosten, einen "Raja"-Vorbereitungskurs zu machen, der offenbar den Status einer Art sprituellen Regionalleiters eröffnen kann. Im Film sehen wir die Schweizer und Deutschen Rajas in Aktion, was insbesondere in letzterem Fall äußerst bizarr wirkt. Leider ist die Aufzeichnung einer Rede des deutschen Rajas (Hr. Schiffgen) anlässlich der Grundsteinlegung der "Unbesiegbarkeitsuniversität" in Berlin nicht mehr auf YouTube zugänglich. Die "David Lynch Foundation for Consciousness Based Education and World Peace" hat dieses wg. Urheberrechtsverletzung sperren lassen. Es bleibt uns ein Ausschnitt in Sievekings Film erhalten, den man für schlechte Standup-Comedy halten könnte, wäre da nicht der leibhaftige Hr. Lynch mit auf der Bühne.

Man mag Maharishi zugestehen, dass ihn ursprünglich eine positive Idee und Intention bewegt haben mag, TM zu entwickeln und zu lehren. Im Verlauf des Films entsteht der Eindruck, dass diese Absichten schon lange in den Hintergrund getreten sind und eine ungute Mischung aus persönlicher Geltungssucht, materieller Verblendung und Machtkämpfen innerhalb der Organisation bestimmend wurde. Warum muss in den Zentren alles prunkvoll vergoldet sein und der Leiter der Organisation in einer goldenen Strechlimo herumrollen?? Der späte Maharishi wirkt eher wie eine greise Marionette in den Händen von Spielern, die eine eigene Agenda verfolgen.

Sieveking illustriert zahlreiche Ungereimtheiten und bedenkliche Aspekte rund um die TM-Organisation. Dies betrifft sowohl die undurchsichtige hierarchische Struktur, den unklaren Verbleib von Abermillionen von Spendengeldern, das Bestreben TM zu einem Teil des Bildungssystems zu machen, die finanziellen und psychischen Probleme von Aussteigern wie auch problematisches persönliches Verhalten von Maharishi Mahesh Yogi selbst.

Es wird verständlich, warum bereits seit den 70er Jahren Stimmen laut wurden, die Methoden und Heilsversprechen von TM kritisierten. Um diese Kritik zu entkräften, wird von der Organisation versucht, die positiven Effekte der TM mit wissenschaftlichen Studien zu belegen. Allerdings gibt es andere Studien, die genau so plausibel die Effekte bestreiten oder zumindest nicht exklusiv der TM-Technik zuschreiben. Dass Meditation grundsätzlich positive Effekte zeitigen kann, scheint mittlerweile auch aus wissenschaftlicher Sicht weitgehend Konsens zu sein. Natürlich gibt es unterschiedliche Techniken und nicht alles wirkt bei jedem Menschen gleich. Die Frage ist zudem, welcher Art diese Effekte sein können.

Recht gut darstellbar sind die subjektiven psychischen Aspekte (persönliches Wohlbefinden, bessere Konzentrationsfähigkeit, Verminderung von Ruhelosigkeit und Schlafstörungen etc.). Schwieriger wird es bereits, physische Effekte unstrittig nachzuweisen (Reduktion von Herz-Kreislaufproblematiken etc.). In den spekulativen Bereich gerät man wohl vollends, wenn einer meditativen Praxis übernatürliche oder überpersonelle Wirkungen beigemessen werden. Sicher hat ein ausgeglichener, besonnen handelnder und ethisch reflektierter Mensch positive Wirkungen auch auf seine Umgebung und damit auf unsere Gesellschaft als Ganzes. Hingegen ist es äußerst problematisch zu versprechen, dass einige tausend Personen, die gleichzeitig Yogisches Fliegen praktizieren, beispielsweise die Kriminalitätsrate um X Prozent senken könnten oder gar "Weltfrieden" herbeiführen. Solche Aussagen könnten von der ständigen Verantwortung aller für ihr Handeln ablenken, da die Aufgabe der positiven Veränderung an sprituelle Stellvertreter delegiert wird. In diesem Sinne wären diese Versprechen eher kontraproduktiv.

"David wants to Fly" erhebt an keiner Stelle den Anspruch, eine objektive Wahrheit über die Transzendentale Medtation oder die dahinter stehende Organisation zu vermitteln. Es ist ein sehr persönlicher Film über eine Suche nach Entfaltung, Sinn und Tiefe und die Irritationen und Enttäuschungen, die auf diesem Weg liegen können.

David wants to Fly
D/AT/CH 2010
96 Minuten

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